Automotive Engineering Partners 3/2004


Date : 01/03/2004 | Catégorie : Article de presse

FRENCH CANCAN Allen wirtschaftlichen Erfolgen zum Trotz ist den Franzosen die Bewunderung ihres „savoir vivre“ sicherer als die Anerkennung ihrer unternehmerischen Leistungen. Dabei hat sich Frankreich in den vergangenen Jahren in einigen Branchen eine führende Position auf dem Weltmarkt erarbeitet. Doch wer dann einmal über die Wirtschaftsmacht Frankreich spricht, meint meist nur die Region Paris. Zu Unrecht, wie Beobachtungen der elsässischen Automobilindustrie zeigen.

Nein,mit den Produktionskosten in Osteuropa können wir natürlich nicht mithalten“, gibt Jean-Pierre Lavielle, Vize-Präsident des Technischen Komitees „Pôle Automobile Alsace-Franche-Comté“ freimütig zu, „allerdings werden bei den geringen Margen in der Automobilindustrie oft die Transportkosten vernachlässigt. Die Infrastruktur ist für uns der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit.“ Der da so spricht, brüstet sich mit der ausgesprochen günstigen Lage der kleinsten französischen Region, die nach Paris das höchste Bruttoinlandsprodukt je Einwohner – im Jahr 2002 waren es 24.800 Euro – in Frankreich hat.Im Umkreis von 800 Kilometern um Straßburg lebten vor der EU-Erweiterung am 1.Mai 2004 rund 60 Prozent der europäischen Bevölkerung. Diese Nähe zu den Märkten schlägt sich auch im Engagement ausländischer Unternehmen nieder: 45 Prozent der getätigten Investitionen kommen aus dem Ausland.
PSA GRÖSSTER ARBEITGEBER
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Traditionell hat die Automobilproduktion im Elsass eine besondere Bedeutung: Hier fertigte Ettore Bugatti 1919 den legendären Royale, und auch der inzwischen vergessene, ehemals viertgrößte französische Hersteller Mathis hatte hier seinen Sitz. Heute zeugen drei Hersteller (PSA,General Motors und de facto Volkswagen mit der Marke Bugatti), 88 Tier-1-Zulieferer, 54 Tier-2-Zulieferer sowie 54 Systemhersteller und 130 weitere Partner in den Bereichen Rohstoffe, Engineering,Anlagenbau und Dienstleistungen vom Gewicht dieses Industriezweigs. Allein PSA, mit 14.000 Mitarbeitern größter Arbeitgeber der Region, zog rund 200 Partnerunternehmen mit ins Elsass. Seit 1962 ist der Hersteller in Mulhouse ansässig; mit jährlich 450.000 Fahrzeugen der Plattform 2 (Peugeot 206 und 307) ist die elsässische Produktion die zweitgrößte im Konzern, hinter der Fertigung im spanischen Vigo und vor dem Standort Sochaux. Ein Novum erlebte das Werk Mulhouse Anfang dieses Jahres: Mit der Neuauflage des Xsara wird erstmals ein Citroën-Modell im Elsass gefertigt.
INTERNATIONALE AUSRICHTUNG
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Einen weiteren Vorteil aus der Lage bezieht das Elsass hinsichtlich des Ingenieurnachwuchses: Zusammen mit der Berufsakadamie Lörrach und der Fachhochschule Basel Muttenz bietet die Université de Haute- Alsace in Mulhouse ein Studium des Technischen Projektmanagements im Fach Mechatronik an. Während des vierjährigen Studiums absolvieren französische, schweizerische und deutsche Studenten gemeinsam einen Fächerkanon dieses Zukunftszweigs der Fahrzeugtechnik sowie Industrieaufenthalte in allen drei Ländern. Die diplomierten Ingenieure können ein Studium mit hohem Praxisbezug und Mehrsprachigkeit vorweisen, denn studiert wird in den Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch.
GUTES KLIMA FÜR INVESTITIONEN
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Folgerichtig sind Forschung und Entwicklung weitere Standbeine im Elsass.Nicht zufällig entwickeln 100 Ingenieure und Techniker des schwäbischen Klimaspezialisten Behr in Rouffach Air-Condition-Systeme, denn Abnehmer PSA ist ganz in der Nähe. General Motors, mit 2000 Mitarbeitern zweitgrößter Arbeitgeber des Elsass, baut in Straßburg nicht nur Automatikgetriebe für Opel, sondern hat hier auch sein europäisches Zentrum für Getriebetechnik. Und die F&E-Filiale Raybond der französischen Unternehmensgruppe A Raymond forscht in Saint-Louis am strukturalen Kleben. Raybond- Direktor Michel Bremont, in Deutschland promovierter Maschinenbauingenieur, schwärmt von den Bedingungen, die erfindungsreiche Firmen in Frankreich antreffen: „Der Staat vergibt Wagniskapital an innovative Unternehmen,die das Geld nur im Erfolgsfall zurückzahlen müssen.” Auf einem ganz anderen Gebiet arbeitet der Entwicklungsdienstleister Clemessy.Zu seiner Aufgabe hat er sich die Integration von Anlagen erkoren, Hauptpartner hierfür sind Schenck Pegasus und Ricardo. Referenzprojekte von Clemessy sind die Lackieranlage von PSA in Mulhouse, in der das Unternehmen die Automatisierung und Prüfstände im Wert von 20 Millionen Euro realisierte, sowie ein NVH-Zentrum für Renault in Lardy bei Paris. Auf 3700 Quadratmetern soll Anfang 2005 dort der Prüfbetrieb aufgenommen werden, noch bis 2007 folgen weitere Prüfstände. Moritz-York von Hohenthal